Häusliche Gewalt und Art. 55a StGB
In der Schweiz sind die Zahlen erschütternd: Im Jahr 2024 wurden 21’127 Straftaten im Bereich der häuslichen Gewalt registriert – ein Anstieg von 6,1 % innerhalb eines Jahres. Noch tragischer ist, dass im Durchschnitt alle zwei Wochen eine Frau durch die Gewalt ihres Partners ums Leben kommt.
Im Zentrum dieser Problematik steht Artikel 55a StGB, ein rechtliches Instrument mit doppelter Wirkung: Er ermöglicht die Sistierung des Strafverfahrens auf Antrag des Opfers, sofern dies geeignet ist, seine Situation zu «stabilisieren».
Das Dilemma:
• Schutz oder Straflosigkeit? Zwischen 53 % und 92 % der Verfahren enden nach einer Sistierung mit einer definitiven Einstellung.
• Der Schatten der Abhängigkeit: Wie kann sichergestellt werden, dass das Opfer die Sistierung freiwillig beantragt – ohne psychischen oder wirtschaftlichen Druck?
• Kantonale Ungleichheiten: Mangels strenger bundesrechtlicher Kriterien kann der Schutz eines Opfers davon abhängen, ob es sich in Bern oder in Lausanne befindet.
Die Sistierung des Verfahrens darf nicht zu einem «Rückzugsweg» der Justiz werden, sondern muss ein echtes Instrument zur Gewährleistung der Sicherheit sein.
Entdecken Sie in diesem Karussell die zentralen Fragen rund um Art. 55a StGB sowie Ansätze zur Stärkung des Opferschutzes in der Schweiz – basierend auf der Masterarbeit von Gioia Summerer, betreut von Prof. Camille Perrier Depeursinge.
SUMMERER Gioia, Les obstacles procéduraux à la poursuite des violences conjugales sous l’angle de l’art. 55a CP, Mémoire de master (dir. Prof. Camille Perrier Depeursinge), Université de Lausanne, École de droit, Faculté de droit, des sciences criminelles et d’administration publique, Lausanne, 1er décembre 2025
Hier lesen (auf Französisch): https://www.kidstoo.ch/app/uploads/Memoire_Gioia-Summerer.pdf
🛑 Bei häuslicher Gewalt bei den Tätern ansetzen
Häusliche Gewalt ist nicht die Verantwortung der Opfer.
Viel zu oft lastet Prävention implizit auf ihren Schultern:
gehen, sich schützen, melden, sich anpassen.
Eine aktuelle Schweizer Studie zeigt jedoch etwas anderes:
👉 Täter zur Verantwortung zu ziehen wirkt.
Ein strukturiertes Interventionsprogramm senkt die Rückfallquote deutlich
(6 % statt 22 %).
📌 Kernbotschaft:
Um Gewalt nachhaltig zu verhindern, müssen wir den Fokus verschieben.
➡️ Die Last von den Schultern der Opfer nehmen.
➡️ Von den Tätern verlangen, Verantwortung zu übernehmen und ihr Verhalten zu verändern.
Die Arbeit mit Tätern stärkt den Schutz der Opfer unmittelbar.
Studie (auf Englisch) lesen: https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/08862605251357852

On parle souvent de détection et de signalement, plus rarement des conditions nécessaires pour que cela fonctionne réellement.
Les chiffres du jour montrent que peu de professionnel·le·s en contact avec les enfants sont informé·e·s des situations de violence vécues dans les familles.
Encore faut-il donner aux professionnel·le·s les moyens d’agir :
🧩 Des espaces de coordination entre santé, éducation et social pour partager les informations essentielles.
📚 Des formations régulières sur les signes de violence et les dispositifs d’accompagnement.
⏰ Du temps dédié à la concertation et au suivi, souvent difficile à dégager.
La détection précoce et la coordination entre les acteurs restent des leviers essentiels pour protéger les plus vulnérables.