Man könnte denken, dieser Kommentar stamme aus einem anderen Jahrhundert.
Spoiler: nein.

Dieser Satz stammt aus einer 2024 veröffentlichten Studie (Teil II) — « Unterstützungsangebote und Schutzmassnahmen für Kinder, die Gewalt in der elterlichen Paarbeziehung ausgesetzt sind » —, die bei Fachpersonen der Justiz in der Schweiz durchgeführt wurde.

Ziel: zu verstehen, wie häusliche Gewalt in Entscheidungen zu elterlicher Sorge, Obhut und persönlichen Beziehungen berücksichtigt wird.

Und manchmal ergibt das … so etwas:

👉 « Sie werden drüber hinwegkommen. Sie war auch doof, schwanger zu werden, obwohl sie sich trennen wollte. Beide Fehler gemacht. Nach vorne schauen. Kommt gut. » (Richter:in 264)

Ja, Sie haben richtig gelesen.
Nein, das ist keine Karikatur.

Hinter solchen Aussagen stehen Entscheidungen, die Kinder und den schützenden Elternteil betreffen.

Nein, das ist nicht (nur) eine Frage von „unglücklich formulierten“ Einzelmeinungen.
Es ist ein Symptom.

➡️ eines Mangels an Ausbildung und Sensibilisierung für die Dynamiken häuslicher Gewalt
➡️ einer anhaltenden Bagatellisierung
➡️ eines Systems unter Druck, in dem die Zeit fehlt, komplexe Situationen wirklich zu verstehen

Zum Glück nehmen einige Kantone das Thema ernst und bieten entsprechende Weiterbildungen an.
Aber in überlasteten Gerichten: Kann man ohne zusätzliche Ressourcen wirklich Wunder erwarten?

Bericht: https://backend.ebg.admin.ch/fileservice/sdweb-docs-prod-ebgch-files/files/2024/01/19/ca23a3ef-098d-4992-aaa2-59b778f515e0.pdf

Häusliche Gewalt und Art. 55a StGB

In der Schweiz sind die Zahlen erschütternd: Im Jahr 2024 wurden 21’127 Straftaten im Bereich der häuslichen Gewalt registriert – ein Anstieg von 6,1 % innerhalb eines Jahres. Noch tragischer ist, dass im Durchschnitt alle zwei Wochen eine Frau durch die Gewalt ihres Partners ums Leben kommt.

Im Zentrum dieser Problematik steht Artikel 55a StGB, ein rechtliches Instrument mit doppelter Wirkung: Er ermöglicht die Sistierung des Strafverfahrens auf Antrag des Opfers, sofern dies geeignet ist, seine Situation zu «stabilisieren».

Das Dilemma:

Schutz oder Straflosigkeit? Zwischen 53 % und 92 % der Verfahren enden nach einer Sistierung mit einer definitiven Einstellung.
Der Schatten der Abhängigkeit: Wie kann sichergestellt werden, dass das Opfer die Sistierung freiwillig beantragt – ohne psychischen oder wirtschaftlichen Druck?
Kantonale Ungleichheiten: Mangels strenger bundesrechtlicher Kriterien kann der Schutz eines Opfers davon abhängen, ob es sich in Bern oder in Lausanne befindet.

Die Sistierung des Verfahrens darf nicht zu einem «Rückzugsweg» der Justiz werden, sondern muss ein echtes Instrument zur Gewährleistung der Sicherheit sein.

Entdecken Sie in diesem Karussell die zentralen Fragen rund um Art. 55a StGB sowie Ansätze zur Stärkung des Opferschutzes in der Schweiz – basierend auf der Masterarbeit von Gioia Summerer, betreut von Prof. Camille Perrier Depeursinge.

SUMMERER Gioia, Les obstacles procéduraux à la poursuite des violences conjugales sous l’angle de l’art. 55a CP, Mémoire de master (dir. Prof. Camille Perrier Depeursinge), Université de Lausanne, École de droit, Faculté de droit, des sciences criminelles et d’administration publique, Lausanne, 1er décembre 2025

Hier lesen (auf Französisch): https://www.kidstoo.ch/app/uploads/Memoire_Gioia-Summerer.pdf

🛑 Bei häuslicher Gewalt bei den Tätern ansetzen

Häusliche Gewalt ist nicht die Verantwortung der Opfer.

Viel zu oft lastet Prävention implizit auf ihren Schultern:
gehen, sich schützen, melden, sich anpassen.

Eine aktuelle Schweizer Studie zeigt jedoch etwas anderes:
👉 Täter zur Verantwortung zu ziehen wirkt.
Ein strukturiertes Interventionsprogramm senkt die Rückfallquote deutlich
(6 % statt 22 %).

📌 Kernbotschaft:
Um Gewalt nachhaltig zu verhindern, müssen wir den Fokus verschieben.
➡️ Die Last von den Schultern der Opfer nehmen.
➡️ Von den Tätern verlangen, Verantwortung zu übernehmen und ihr Verhalten zu verändern.

Die Arbeit mit Tätern stärkt den Schutz der Opfer unmittelbar.

Studie (auf Englisch) lesen: https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/08862605251357852

On parle souvent de détection et de signalement, plus rarement des conditions nécessaires pour que cela fonctionne réellement.

Les chiffres du jour montrent que peu de professionnel·le·s en contact avec les enfants sont informé·e·s des situations de violence vécues dans les familles.

Encore faut-il donner aux professionnel·le·s les moyens d’agir :

🧩 Des espaces de coordination entre santé, éducation et social pour partager les informations essentielles.

📚 Des formations régulières sur les signes de violence et les dispositifs d’accompagnement.

⏰ Du temps dédié à la concertation et au suivi, souvent difficile à dégager.

La détection précoce et la coordination entre les acteurs restent des leviers essentiels pour protéger les plus vulnérables.

étude complète: https://www.curml.ch/sites/default/files/fichiers/documents/UMV/Rapport%20UMV%20Etude%20sur%20les%20enfants%20expos%C3%A9s%20%C3%A0%20la%20violence%20dans%20le%20couple%20parental.pdf